Einleitung
Literarische Werke erzählen Geschichten mit einer Schriftsprache. Pantomimen zeigen Vorgänge ohne jede Verwendung von gesprochenen Wörtern nur durch ihre Bewegungen. Bilder vermitteln Dinge wiederum auf eine ganz andere Art. Es gibt also verschiedene Möglichkeiten, etwas zu sagen. Man kann von der Verwendung verschiedener Sprachen sprechen, da all diese Formen in der Lage sind, Menschen etwas mitzuteilen. Der Film benutzt verschiedene dieser Sprachen, um etwas zu erzählen. Dieser Artikel befasst sich mit diesen Sprachen.
Die Sprache der Worte
Seit der Erfindung des Tonfilms ist es üblich, dass sich die Personen, die auf der Leinwand zu sehen sind in mehr oder weniger ausgefeilten Dialogen miteinander unterhalten. Sie verwenden also gesprochene Sprache, die, je nach Anspruch des Filmes, allgemein verständlich oder nur einem bestimmten Personenkreis zugänglich ist.
Nur selten wendet sich das gesprochene Wort an den Zuschauer. Diesem wird ein Dialog präsentiert. Der Zuschauer ist in der Regel nur unbeteiligter Beobachter. Dies erfordert eine besondere Art der Interpretation dessen, was gesprochen wird: Die ausgesprochenen Worte müssen zu dem, der sie ausspricht, seiner derzeitigen Situation und dem, an den sie gerichtet sind, in ein Verhältnis gesetzt werden.
In der Regel geschieht dies auch im normalen Umgang der Menschen miteinander. Zusätzlich muss aber der Tatsache des Filmes Rechnung getragen werden: So hat jede Figur eine bestimmte Funktion im Film, die durch das was sie sagt – oder auch nicht sagt – mit bestimmt wird. Außerdem zieht der Betrachter unweigerlich in sein Verstehen der Dialoge mit ein, dass es sich um Darsteller handelt. Diese verkörpern ihre Rolle mehr oder weniger gut, und gegebenenfalls setzt der Zuschauer das gesprochene Wort der verkörperten Figur auch in ein Verhältnis zu früheren Rollen des selben Schauspielers oder zu anderen Dingen, die er über den Schauspielen weiß.
Diese gesprochene Sprache ist nicht die einzige Wortsprache, die in Filmen Verwendung findet. Aus der Stummfilmzeit sind die Einblendungen noch bekannt, in denen Schrift zu sehen war. Diese hatten damals zum Teil die Aufgabe, gesprochene Worte, also Dialoge, zu ersetzen. Außerdem konnten solche Einblendungen von einer Szenerie zur nächsten, von einer Zeit zur nächsten oder auch von einer Sichtweise zur nächsten überleiten. Der eingeblendete Text hatte dann und hat manchmal auch heute noch die Funktion, Erklärungen darzubringen, die im Bild nicht sichtbar oder nicht verständlich waren (Star Wars). Diese Funktionen können auch von gesprochener Sprache übernommen werden. In manchen Filmen gibt es einen – nicht als Figur in Erscheinung tretenden – Erzähler, der die Szene in ähnlicher Weise kommentiert. Hin und Wieder tritt der Erzähler auch selbst als Figur auf: er erklärt dann die Bilder, zum Beispiel aus seiner eigenen Vorgeschichte (Love and Death).
Trotz dieser Möglichkeit des Tonfilms nutzt man auch heute Einblendungen von Schrift, meist aber nicht mehr zwischen den Szenen, sondern in den Szenen, d.h. sie überlagern das Bild.
Weiterhin kann Wortsprache im Bild erscheinen. So können die Kameras Schilder zeigen, Eingaben an einem Bildschirm (Matrix) und geschriebene Briefe und Bücher – oder auch subtiler: die Beschriftung eines T-Shirts oder eines Buttons an der Kleidung (Full Metal Jaket).
Die Sprache der Bilder
Der Film ist nicht auf die Sprache des Wortes angewiesen. Da er in erster Linie auch ein visuelles Medium ist, versteht es sich von selbst, dass die bildliche Darstellung von Dingen eine große Rolle spielt. Zu Zeiten des Stummfilms war sie nicht selten die einzige Sprache, der sich der Film bediente.
Die Bildsprache ist ein vielschichtiges Medium. Man kann sagen, alles was an einem Film sichtbar ist, kann zur Bildsprache gezählt werden. Hierzu gehört auch ein Teil der oben beschriebenen Wortsprache, wie leicht einzusehen ist. Hinzu kommen Symbole oder auch Muster, die, ähnlich Worten, in vielfältiger Weise auftreten können (Das siebte Siegel, Full Metal Jaket). Aussagekräftig können auch bestimmte – zum Teil auch wiederkehrende – Rituale sein, die gezeigt werden (Eine Frage der Ehre). Doch es ist auch möglich, dass bestimmte Gegenstände, Handlungen und so weiter durch die Bebilderung besonders hervorgehoben werden (Solaris).
Für die Bildersprache ist nicht nur entscheidend, was gezeigt wird. Auch wie es gezeigt wird, spielt für eine mögliche Aussage eine Rolle. Die Möglichkeiten können hier nicht erschöpfend ausgeführt werden, doch einige seien genannt: etwas kann aus verschiedenen Perspektiven gezeigt werden, Bilder können verschiedene Färbungen erhalten (2001 – Odyssee im Weltraum, Solaris), etwas kann in Großaufnahmen oder in Panorama-Aufnahmen gezeigt werden, Vorgänge können in verschiedenem Tempo – Zeitraffer, Zeitlupe, Stop-Motion (Matrix) – gezeigt werden, die Abfolge der Schnitte – zwischen den Szenen – kann schnell oder langsam erfolgen und etwas kann mit statischer Kamera oder mit Kamerafahrten gezeigt werden.
Neben dem was gezeigt wird, muss auch in Betracht gezogen werden, was nicht gezeigt wird. So können bestimmte Dinge durch andere ersetzt werden (Solaris?) oder angedeutet, aber dann doch nicht im Bild gezeigt werden (Das siebte Siegel). Manchmal wird auch versucht, nicht zeigbares durch eine Bildsprache darzustellen. So können zum Beispiel geometrische Figuren oder unfigürliche Farbspiele für etwas anderes stehen (2001 – Odyssee im Weltraum).
Die Sprache der Musik
Musik diente in der Stummfilmzeit zur Untermalung der Filme. Sie wurde oft “live” bei der Filmvorführung gespielt und es gab manchmal nicht ein oder mehrere vorgeschriebene Musikstücke, sondern es wurden Stücke oder Improvisationen gespielt, die zur Stimmung der jeweiligen Szene passten.
Die Entwicklung in der Filmmusik ist von dieser Ausgangssituation weit voran geschritten. Das Musikalische ist Teil des Films selbst und nur noch selten bloß unterhaltsames Beiwerk. Durch Melodie, Tongeschlecht, Rhythmus, die Nutzung bestimmter Instrumente oder Instrumentengruppen bis hin zum ganzen Orchester und weitere Variationen können Stimmungen betont oder erst erzeugt werden. Die akzentuierte Übereinstimmung von Tönen oder Takten mit den gezeigten Bildern und den gezeigten Abläufen können eine eigene Aussage erzeugen (2001 – Odyssee im Weltraum).
Ein Teil der musikalischen Untermalung kann mit der Wortsprache zusammenfallen, dann nämlich, wenn Musikstücke mit Text genutzt werden. So können filmische Musicals entstehen (Sweeny Todd), in denen die Musikstücke von den Figuren des Filmes gesungen werden. Hier ersetzen die Musikstücke ganz oder zum Teil die Dialoge. Diese Musiktitel werden extra für den entsprechenden Film geschrieben. Doch selbst der Text eines bereits bekannten Pop- oder Rocksongs kann mit dem gezeigten oder gesagten der Szene übereinstimmen oder einen interessanten Zusammenhang herstellen (Independent Day, Stirb langsam 3 – jetzt erst recht).
Eine gern genutzte Möglichkeit ist es, bestimmten Personen ein bestimmtes musikalisches Thema zuzuordnen, welches durch unterschiedliche Variationen bestimmte Situationen oder Zustände der jeweiligen Person anzeigt (Star Wars). Ähnliches gilt auch für bedeutende Gegenstände (2001 – Odyssee im Weltraum). Ebenso kann durch eine bestimmte Variation eines Themas der Verlauf einer Situation verdeutlicht werden.
Weitere Sprachen des Filmes?
Neben dem gesprochenen Wort und der komponierten Musik existiert noch eine weitere Ebene des Hörbaren im Film: Die der Geräusche. Diese Ebene scheint von geringerer Bedeutung als die anderen beiden zu sein, und sie scheint auf den ersten Blick kaum eine eigene Aussagekraft zu besitzen. Doch auch mit dieser Ebene kann man Aussagen erzeugen oder betonen. So kann die Anwesenheit von nicht sichtbaren und nicht sprechenden Dingen durch Geräusche verdeutlicht werden (Matrix). Auch das Fehlen von Geräuschen kann eine Bedeutung haben: Es schafft bisweilen Distanz beim Zuschauer und kann damit Gefühle erzeugen, die von Hilflosigkeit und Ohnmacht (Soldat James Ryan, 2001 – Odyssee im Weltraum)bis zu Bewunderung und Staunen reichen können.
Mit dem Fortschritt der Technik versucht man, neben dem Sehen und Hören weitere Sinne des Menschen durch Filmvorführungen anzusprechen. Meist auf Volksfesten und in Vergnügungsparks erfreuen sich Filme wachsender Beliebtheit, bei denen der Zuschauer Erschütterungen und Bewegungen, die auf der Leinwand zu sehen sind, am eigenen Leib verspüren kann, in dem sich beispielsweise sein Sitzplatz entsprechend mitbewegt.
Es ist jedoch nicht so, dass die gesehene Bewegung und die empfundene eine gleiche Aussagekraft haben. Während die gesehenen Bewegungen – die bewegten Bilder – eine eigene Sprache und Aussagekraft besitzen, so scheinen die gefühlten Bewegungen nur dazu geeignet, Gesehenes und Gehörtes zu betonen. So scheint es nicht möglich, eine eigene Aussagekraft für diese Ebene zu finden.
Interessanter sind da neuere Versuche, olfaktorische Komponenten zum Film hinzuzufügen. Diese Technik ist noch nicht soweit, als dass man sie flächendeckend im Einsatz erleben könnte und Filme mit dieser Komponente sind kaum bekannt. Man kann sich aber schon bestimmte Verwendungen überlegen, in denen die Komponente des Riechbaren eine eigene Aussage dem Film hinzufügen kann. Man stelle sich zum Beispiel “paradiesische” Bilder vor, die mit dem Geruch von Verwesendem unterlegt ist oder anders herum. Ob dies allein ausreicht, von einer olfaktorischen Sprache im Film zu sprechen?
Es ist offensichtlich, dass die verschiedenen Sprachen und selbst das, was nur ansatzweise eigene Aussagekraft besitzt, in erster Linie sich um das Visuelle gruppieren. Das verwundert nicht, wenn man die technische Evolution des Mediums Film bedenkt. Doch inzwischen ist der Film zu einem Gesamtkunstwerk geworden in dem in der Regel alle diese Sprachen eine Rolle spielen. Dabei ist es keinesfalls so, dass alle Sprachen sozusagen mit einer Stimme sprechen: Gerade wenn sich die einzelnen Sprachen widersprechen, kristallisiert sich für den Film eine vielschichtige Aussage heraus, die philosophisch spannend sein kann, wie zuletzt bei den möglichen olfaktorischen Komponenten gezeigt. Die Sprachen sind also immer in ihrem Verhältnis zueinander zu betrachten.