Kulturbeutel Nr. 1

 Veröffentlicht von Stefan Enke am 19. Oktober 2009 um 15:43  Kommentieren
Okt 192009
 

In dieser Rubrik möchte ich interessante Dinge aus dem Bereich der Lyrik vorstellen.

Heute möchte ich  auf eine Veröffentlichung hinweisen: Der Hörverlag bietet einen besonderen Genuss für Lyrikfreunde an: In der Anthologie “Lyrikstimmen” bekommt man insgesamt 420 deutschsprachige  Gedichte auf die Ohren gelegt. Das besondere daran: Alle Werke wurden von den 122 Autorinnen und Autoren selbst vorgetragen. Dies ist etwas ganz anderes, als die Übliche Lese von ausgebildeten Schauspielern. Bietet doch der Vortrag aus erster Hand oftmals Anregungen zur Interpretation, die sonst verborgen bleiben.

So schwärmt Die Welt von der Heimat, die man in den Stimme manchmal nur unterschwellig und doch bestimmt mithört – und von Brecht, dessen Stimme seine Herkunft im dunkelsten halben Jahrhundert deutscher Geschichte hat. Bereits der Gedanke daran, wie er “An die Nachgeborenen” vorträgt, verleitet schon fast zum Kauf des Hörbuches, finde ich. Dichter kann man Dichtern nicht kommen, wie auch Die Welt dazu zu sagen weiß.

Man scheint im Hörverlag neben einem Who is who der deutschen Lyrik der jüngeren Vergangenheit (oder Gegenwart? Dies ist ja nicht immer ganz zu entscheiden.) auch noch phonographische Kostbarkeiten ausgegraben zu haben, wenn man beispielsweise mit Aufnahmen von Hugo von Hofmannsthal und Stefan Zweig aufwartet, womit man rund 100 Jahre deutscher Lyrik einfängt. Dennoch fehlen natürlich einige wichtige Autoren – nicht zuletzt, da von ihnen gar keine Tonaufnahmen (mehr) existieren oder auffindbar waren. Spiegel Online und FAZ bemängeln unisono (wohl aus dem Pressetext abgeschrieben?) das Fehlen von Kurt Tucholsky, Else Lasker-Schüler und Klabund, die man sicher schmerzlich vermisst.

Und natürlich sind die Lesungen nicht für die Zwecke eines Hörbuches aufgenommen worden. Daher sollte gerade bei den älteren Autoren mit einer verminderten Aufnahmequalität zu rechnen sein. Dennoch ist man dem eigenen Anliegen, eine “Bibliothek der Poeten” zu bieten, sehr gerecht geworden. Wie so oft bei guter Lyrik, ist der Preis für die Anthologie etwas happig, aber dafür bekommt man eben ungewöhnliches geboten. Und nicht zuletzt ist der Umfang mit 9 CDs und einer Gesamtspielzeit von 680 Minuten beachtlich. Ich denke, eine Anschaffung lohnt sich. Ab in den Kulturbeutel!

Die FAZ bietet aus der Anthologie einige Hörproben.

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