Der Kulturbeutel widmet sich heute ausschließlich einem Thema: dem “Deutschen Dreizeiler”. Dieser greift im Moment im Internet ein wenig um sich – und ich meine, man könnte über dieses Thema einmal nachdenken. Dies sei hiermit getan:
Der “Deutsche Dreizeiler” geht wahrscheinlich auf die Idee zurück, eine eigenständige, deutsche Form von Kurzgedicht abseits vom weithin bekannten japanischen Vorbild zu erstellen. “Haiku”, und dessen Verwandter “Senryu”, sind faszinierende Gebilde, die von Dichtern und Möchtegernen weltweit gern nachempfunden werden. Im japanischen Original stellen sie sich mit ihren mehrdeutigen Zeichen wesentlich interessanter dar, als viele der europäischen und amerikanischen Nachahmungen. Trotzdem gibt es auch im deutschsprachigen Raum echte Könner in der Zunft der Haiku-Schreiber.
Wenn ich es richtig gesehen und verstanden habe geht der “Deutsche Dreizeiler” nun auf eine Initiative von Helmut Maier zurück. Seiner Auskunft nach hat er sich Gedanken darüber gemacht, welche Zeilenform der “abendländischen” Sprachauffassung eher entgegenkommt. Die Silbenvorgabe im Haiku, die eine abgewandelte, westliche Deutung der Moren im Japanischen ist, scheint ihm wohl zu schwierig in Einklang zu bringen zu sein mit den westlichen Wortausmaßen. Ich möchte hier nicht hinterfragen, ob diese “Kritik” an den Schreibvorschriften des Haiku gerechtfertigt ist.Vielmehr möchte ich die Lösung dieses Problems mit dem “Deutschen Dreizeiler” näher betrachten.
Es sei aber noch vorausgeschickt, dass es bereits Kurzgedicht-Formen gibt, die eher abendländischer, wenn nicht gar deutscher Herkunft sind. So bietet sich etwa das Distichon an, oder auch das Elfchen.
Die Bildungsvorschrift des “Deutschen Dreizeilers” besteht nun in der Silbenvorgabe 8, 9 und 10 11[1]. Und ich frage mich, ob dies tatsächlich der abendländischen Sprachen oder eben auch nur dem Deutsch gerecht wird. Leider macht Helmut Maier keine Ausführungen zu seinen Überlegungen – oder ich finde sie nicht auf seinem Blog. Jedenfalls überkommt mich hier das Gefühl, dass das einzige was hier typisch deutsch erscheint, eine unglaubliche Langatmigkeit ist. Das scheint auch irgendwie treibende Kraft hinter der Bildung zu sein: das Gefühl, dass das Haiku-Schema für die langen deutschen Worte nicht ausreicht.
Haiku und Senryu leiten sich in der japanischen Tradition aus längeren Partner-Gedichten ab. Vielleicht ist es daher nicht verkehrt, auch im Falle eines deutschen Kurzgedichtes Anleihen in den längeren Dichtungen zu suchen. Mir fällt hier die Nibelungenstrophe ein, von der man das zweite Paar Langzeilen nimmt. Da diese ohnehin eigentlich in vier Kurzzeilen (2 Anverse und 2 Abverse) zerfallen kann man diese als Vierzeiler benutzen. Mir erscheint der Vierzeiler ohnehin die typischere Form für das abendländische Sprachempfinden – aber ich bin da kein Experte. Jedenfalls würde in dieser Form nicht nach Silben sondern nach Hebungen gezählt, so dass ein Schema 4 – 3 – 4 – 4 entstünde (Silben dann je nach ausgestaltung).
Ich habe nun mit dem Distichon einen Zweizeiler, mit der abgeänderten Form der Nibelungenstrophe einen Vierzeiler und mit dem Elfchen einen Fünfzeiler vorgeschlegen – wenn es denn aber partout ein Dreizeiler sein soll, bedarf es noch anderer Überlegungen. Interessant ist ja ein Blick in die Metrik, der zum Beispiel offenbart, dass der daktylische Hexameter, der am Anfang der bekannten abendländischen Dichtung stand, genau eine Silbe mehr aufweist, als im Haiku-Schema verlangt: 6 mal 3 gleich 18. Mit einer nicht unüblichen Ersetzung von einem Daktylus durch einen Spondäus sind es sogar genau 17. Haiku-Maß.
Nun gut, wir wollten einen Dreizeiler. Nehmen wir einen Adonischen Vers als Beginn. Warum? Nun, die Zusammensetzung aus Daktylus und Trochäus ist etwa die Form einer Anrede oder Anrufung. Daktylus und Trochäus scheinen allgemein eine gute Grundlage zu sein. Deshalb bilden den zweiten Vers zwei Daktylen und ein Trochäus.Vers drei wird gebildet aus zwei Daktylen und – der abendländischen Tradition des Patriarchats angemessen – mit männlicher Kadenz. Also mit einem Jambus… Ergebnis ist ein 21 Silben umfassendes kleines Werk.
Den originalen “Deutschen Dreizeiler” in dieses Maß übersetzt:
Wirklich gesegnet:
Gegend erlaubt uns im Rhytmus
wechselnde Zustände zu seh’n
Ja, das Maß zwingt wieder zum Verkürzen. Und es geht natürliche die ein oder andere Deutungsebene verloren. Aber vielleicht eröffnet sie auch neue.
Was sagt ihr dazu?
- [1] Vielen Dank für den Kommentar mit dem Hinweis auf meinen Fehler ↩
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http://www.maier-lyrik.de/blog Helmut Maier
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http://www.maier-lyrik.de/blog Helmut Maier
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anonym
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