Kulturbeutel Nr. 46

 Veröffentlicht von am 11. Juli 2011 um 17:30  Kommentieren
Jul 112011
 

Nach dem am Freitag aus gegebenem Anlass kein Kulturbeutel erschien, wird dieser heute wie versprochen nachgereicht. Und ich muss mir langsam überleg,en ob ich nicht eine neue regelmäßige Kategorie einführe: der schlechteste Vers der Woche oder so. Aber bleiben wir beim Bewährten — das heißt in dieser Woche Bachmannpreis und Gedichte.

Bachmannpreis 2011  

Wenn ich den Kulturbeutel schon wegen des Bachmann-Preises verschiebe, will ich euch wenigstens die Siegerin nicht vorenthalten. Es handelt sich um die Kärnerin Maja Haderlap. Beim ORF gibt es einen Überblick zu den Ergebnissen der Preisverleihungen im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur 2011.

Die Meinungen der Anwesenden Kritiker und Literaturkenner — beziehungsweise derer, die sich dafür halten oder von anderen dazu erkoren werden — erschienen mir insgesamt aber recht niederschmetternd. Ich könnte euch jetzt in die Weiten des Internets schicken und alle möglichen Kommentare dazu aufzeigen. Aber ich belasse es dabei, nochmals auf die Sammelmappe zu verweisen, deren Inhaberin Claudia Kilian selbst vor Ort war. Dort auch weiterführende Links. Und dann verweise ich auch aufs Literaturcafé, und damit ist auch schon Schluß.,

Gedichte und Poesie  

Von @LophiusT gibt es ein neues Gedicht in seinem Blog. Es heißt “Zwischen den Zeilen“. Und eigentlich hatte ich nach den ersten beiden Strophen das Gefühl, dass das bereits gereicht hätte. Allerdings wäre dann die Pointe nicht vorhanden, die sich am Schluss noch anfügt. Die Zäsur, thematisch, nach Strophe zwei ist einfach zu stark, finde ich. Vor allem die dritte Strophe ist irgendwie wie ein Fremdkörper, auch wenn die vierte natürlich keinen Sinn ohne sie machen würde. Trotzdem voller Poesie…

Auch etwas neues gab es von Slov ant Gali. Oder ist das nicht ganz so neu? Es gab bereits ein Werk von ihm mit dem Titel “Absage” und das neuere Werk scheint nur eine Überarbeitung zu sein. Dennoch gefällt mir diese “Absage” wesentlich besser, auch wegen dem angedeuteten Griechenland-Motiv zum Ende hin. Jetzt machen die Eulen mehr Sinn, glaube ich. Schön, dass Slov ant Gali für den “Was ihr wollt Event 2011” zugesagt hat.

Im Sturznest gibt es etwas zu lesen, das sich “Der ewige Zyklus” nennt. Interessante Spielerei mit den Worten. Aber mich beschleicht das Gefühl, dass hier entweder an einer Stelle der Gedanke völlig auf den Kopf gestellt wird oder die Logik nicht ganz mitspielen wollte.

Vor einige Rätsel stellte mich das Werk “absurd” von Ulrike Schmid, aber das ist dem Titel nach wahrscheinlich beabsichtigt. Ich bin mir nicht sicher, ob die Fragmente, die hier zusammengesetzt wurden, bestimmte Fach- oder Gruppensprachen darstellen sollen. Vielleicht repräsentieren sie auch nur zufällig einen Schnitt durch Wissenschaft, Kino, Musik und Politik(?).

Anschauen sollte man sich auch auf dem Blog von Annette Gonserowski den “Pegasus“, vor allem wegen des schönen Kaligramms zu dem Gedicht. Und ja, es gab in dieser Woche auch noch ein paar Gedichte mehr, die mir gefallen haben

Schlechtester Vers der Woche  

Ich weiß nicht, ob man eine solche Kategorie — schlechtester Vers oder gar schlechtestes Gedicht der Woche — führen sollte. Aber manchmal ist es wirklich grausam, was man da so lesen muss. Na klar: Nicht jeder der ein Gedicht im Internet veröffentlicht, hat einen gewissen Anspruch an sich und sein Werk. Schließlich schreiben einge nur, um Frust oder Lust oder Gedanken allgemein loswerden zu können. Und ich kann das nachvollziehen, wie die meisten habe ich auch aus autobiographischen Motiven angefangen zu schreiben.

Trotzdem schmerzt es manchmal ein wenig. Manchmal auch etwas mehr. Satzkonstruktionen mit “tun” plus Verb etwa, die einem bereits im zweiten Vers eines Gedichtes anlachen, finde ich sehr schmerzhaft. Oder: ein Vers aus sechs Wörtern mit, je nach Auslegung, acht oder neun Rechtschreibfehlern. Natürlich ist niemand unfehlbar und auch ich mache mehr Rechtschreibfehler hier im Blog, als mir lieb ist. Aber in sechs Wörtern soviele Fehler unterzubringen, das grenzt schon wieder fast an Kunst. Vielleicht doch ein Grund diese Kategorie hier dauerhaft einzuführen…

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  • http://www.claudiakilian.de Sammelmappe

    Warum gibt es immer so wenig Verständnis für Menschen mit Rechtschreibschwäche? Mittlerweile weiß doch jeder, dass Legasthenie eine komplizierte Angelegenheit ist, mit der es nicht einfach ist umzugehen. Natürlich kann ich mich fragen: warum schreibt dann jemand mit Rechtschreibschwäche ausgerechnet Gedichte?

    Ja, warum? Wahrscheinlich weil dieser Mensch es gerne macht. Weil es ihm etwas gibt und das ist gut so. Lyrik tut gut. Dem Herzen, der Seele und dem Gemüt. Das gilt bestimmt auch für schlechte Lyrik.
    Aus meiner Sicht sollte man sich sehr genau überlegen, welchen Menschen man eine schonungslose Kritik zumuten kann. Ein Profi kann das aushalten, einen Amateur vorzuführen, halte ich für schwach.

    • http://www.schmetterlingsgesang.de/ Stefan Enke

      Es stimmt, dass man als Nicht-Betroffener zumeist etwas unsensibel ist, wenn es um Menschen mit Legasthenie geht. Man denkt einfach viel zu selten daran, dass eine schlechte Rechtschreibung auch daran liegen kann. Und du hast Recht, dass das Problem kompliziert ist. An Legasthenie habe ich in besagtem Fall auch nicht gedacht, da die Symptome, die ich dafür — von einem Familienmitglied her — kannte, nicht zutrafen. Sicher aber sind noch mehr Erscheinungsformen vorhanden. Und vielleicht müsste man sich manchmal mit dem Aufregen etwas mehr zurückhalten.

      Ich finde es allerdings auch falsch, dass sich 60% der Bevölkerung mit ihrem Unwillen, sich um eine richtige Schreibung zu bemühen, hinter den geschätzten 4% (Wikipedia) der von Legasthenie betroffenen Bevölkerung verstecken. Dies scheint mir insbesondere im angesprochenen Fall so zu sein, da in den späteren Zeilen durchaus eine passable Rechtschreibung anzutreffen war.

      Dass ich sehr gut verstehe, wenn jeder — absolut jeder — versucht Gedichte zu schreiben, sagte ich bereits im Text. Ich bin mir zwar nicht sicher, warum, aber es scheint so zu sein, dass sich die Gedichtform besonders für Dinge eignet, die, wie du sagst, “Herz, Seele und Gemüt” betreffen. Aber wenn ich dies dann in die Öffentlichkeit trage, indem ich es in einem Forum der allgemeinen Bewertung aussetze (denn dafür war jenes Forum gedacht), dann sollte ich mich wenigstens darum bemühen, Fehler zu vermeiden. Das sollte in Zeiten des Internets, in denen man ganze Textpassagen auf der Duden-Seite auf Rechtschreibung hin überprüfen lassen kann, eigentlich für jeden machbar sein. Und wenn sich dann immer noch einzelne Fehler einschleichen, sagt ja auch keiner was. Nicht mal ich ;-) weil auch bei mir eine Menge Vertipper und Flüchtigkeitsfehler passieren, vor allem dann, wenn es schnell gehen soll.

      Was ich mir aber auf keinen Fall ankreiden lassen will, ist der Vorwurf, den ich aus deinem Kommentar herauslese, dass ich irgend jemanden vorführen möchte/ würde. Genau deshalb würde ich nämlich auch unbedingt darauf verzichten, auf das entsprechende Gedicht zu verlinken und natürlich auch den Namen des betreffenden Autors zu nennen (ersteres steht im Text, zweiteres war da gedanklich mit eingeschlossen). Und auch hier gilt aus meiner Sicht: Wenn ich etwas für mich schreibe, weil es meiner Seele gut tut, es zu schreiben, dann brauch es auch nur mir gefallen. Wenn ich etwas schreibe und einem lieben Menschen schenke, dann muss ich auch mit dessen Reaktion leben. Wenn ich aber etwas in die Öffentlichkeit trage, muss ich mit den Reaktionen der Öffentlichkeit rechnen.

      Das ist zumindest meine Meinung. Ich fürchte nur, sie ist nicht zu weit verbreitet.

      Vielen Dank jedenfalls für deinen Kommentar, der mich zumindest einmal an die Schwierigkeit der Legasthenie erinnert hat, die man zu schnell vergisst.

      PS: Die Rechtschreibprüfung ergab keinen Fehler für diesen Kommentar, aber ich bin mir nicht ganz sicher: Es muss einer drin sein.

  • http://www.claudiakilian.de Sammelmappe

    Manchmal klingt meine Ausdrucksweise vielleicht etwas streng. Einen Vorwurf wollt ich dir ganz sicher nicht machen. Nur darauf hinweisen, dass Feedback aber auch professionelle Kritik auch Schaden anrichten, vor allem wenn sie den Falschen trifft.

    Es gibt sehr viele Formen von Rechtschreibschwäche oder Legasthenie und ich bin ganz sicher: Der Prozentsatz der Menschen, die andere mit ihrer Rechtschreibschwäche provozieren wollen, kann eigentlich nicht sehr hoch sein.
    Eine Rechtschreibschwäche ist – wie viele andere Schwächen – den meisten Menschen peinlich und immer wieder darauf hingewiesen zu werden, ist da auch nicht immer hilfreich.

    Ich habe mir mittlerweile angewöhnt nur auf höfliche “Fehlermeldungen” zu reagieren. Die korregiere ich dann unkommentiert. Menschen, die sich dabei aus meiner Sicht im Ton vergreifen, weise ich in ihre Schranken. Es ist ein lebenslanges Unterfangen sich mit seiner Rechtschreibschwäche auseinander zu setzen und es hilft sehr, wenn man dabei auf hilfreiche Unterstützung trifft.

    • http://www.schmetterlingsgesang.de/ Stefan Enke

      Wie gesagt, ich sprach nicht von Rechtschreibschwächen, die auf gesundheitlichen Störungen beruhen. Aber andere Schwächen in Orthographie und Grammatik lassen sich mit etwas Anstrengung leicht zu überwinden. Wenn auch vielleicht nicht als Ganzes, dann doch aber für jeden Text aufs Neue.

      Aber wenn ich sehe, wie vielen in der Schule, sogar in der Uni, alle Rechtschreibregeln egal sind — nach dem Motto “Ich schreib, wie ich will, soll sich doch der Duden danach richten!” — und sich gleichzeitig als großer Schriftsteller aufführen, da hört es bei mir auf. Es zeugt für mich von purem Unwillen, nicht von Unvermögen. Und das ist, davon bin ich fest überzeugt, der Großteil derjenigen, von denen ich hier rede. (Wie gesagt, der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie schätzt nur etwa 4-6% Betroffene — wobei hier offenbar alle Spielarten der gesundheitsbedingten Lese-Rechtschreibstörungen inbegriffen sind.)

      Allerdings ist eine Unterscheidung zwischen gesundheitlicher Störung und Unwillen vom bloßen Text her wahrscheinlich nicht wirklich möglich…

  • Morgaine620

    Also die elektronischen Rechtschreibpruefungsprogamme (ich bin mir sicher, das Wort gibt es nicht aber was solls :-) ) haben mich manchmal schon zur Verzweiflung getrieben. Die erkennen leider auch nicht alles. Gutes Korrektur lesen ist da das einzige. Ich fuer meinen Teil schreibe gerne Gedichte aber meine Rechtschreibung und vor allem die Zeichensetzung, laesst da manchmal zu wuenschen uebrig. Habe den Sprung mit der letzten Rechtschreibreform echt nicht geschafft.
    Werde ich deshalb aufhoeren, Gedichte zu veroeffentlichen? Nein, ganz sicher nicht! Es ist einfach schoen, wenn manche sie lesen und ueber die Schwaechen hinweg sehen oder konstruktive Kritik ueben. Das ist das einzige, das einen weiter bringt.

    • http://www.schmetterlingsgesang.de/ Stefan Enke

      Nun ja, es stimmt schon, dass auch die elektronischen Rechtschreibprüfungen ihre Schattenseiten haben. Aber ich empfehle für kurze Texte auf jeden Fall die Duden-Seite, die auch grammatisch prüft. Nur bei Gedichten ist mit der Grammatikprüfung nicht immer viel anzufangen… Und aufhören, gedichte zu veröffentlichen, soll auch keiner — schon gar nicht, wegen eines blöden Kommentars. Ich versuche ja, normalerweise, kontruktiv zu kritisieren, wenn ich hier ein Gedicht kurz bespreche und weiterempfehle.

      Aber manchmal, manchmal muss man irgendwie auch seinem Unmut Luft machen. Eigentlich, das sollte ich hier vielleicht noch anfügen, war die Rechtschreibproblematik hier auch nicht unbedingt das Hauptthema — aber bei mancher Gedichtzeile sträuben sich einem einfach alle Haare.

      Vielen Dank, dass du auch mal bei mir kommentiert hast.