Kulturbeutel Special: Grass

 Veröffentlicht von am 5. April 2012 um 09:43  Kommentieren
Apr 052012
 
Dies ist Teil 1 von 4 in der Serie Grass-Special

Wenn nicht jetzt, wann dann? Lange habe ich überlegt, wann, wie und mit welchem Thema der Kulturbeutel zurückkehren soll. Und nun ist er mit diesem Special zurück, aus gegebenem Anlass — sozusagen. Selten hatte ein Gedicht in den letzten Jahren solche Spuren in den Medien hinterlassen. Es geht um Günter Grass und sein Werk “Was gesagt werden muss” und um die Rezeption dieses Gedichtes. Natürlich, geht es darum, könnte man fast sagen.


Der Impact

Die Süddeutsche veröffentlichte das Werk als eine Art Leitartikel (wenigstens im Feuilleton) in einer wirklich herausgehobenen Stellung. Mit Vorankündigung am Tag zuvor. Und parallelen Abdrucken auch in anderen Zeitungen im Ausland. Zusätzlich Wiederabdrucke in zahlreichen größeren und kleineren Zeitungen in Deutschland heute. Es ist vorher bereits klar, dass der Text für Aufsehen sorgen wird. Nicht nur, dass hier ein Nobelpreisträger schreibt: Es schreibt einer über Israel. Und es schreibt einer über Israel, mit einer Vergangenheit, die er lange verschwiegen hatte. Das muss reizen. Und es reizte. Die Zeitungen sind einen Tag später voll mit Kommentaren. Google News listet locker 750 Artikel zum Thema, gestern wohl noch mehr. Twitter Deutschland meldet Grass als “Trending Topic” auch einen Tag später. In gutem Neudeutsch würde man von einem gewaltigem Impact sprechen, den der Text hatte.

Ich möchte mich zum Inhalt des Gedichtes daher nicht weiter äußern. Er ruft Empörung hervor, das war vorher schon klar. Reflexhafte Antisemitismus-Vorwürfe gehen dabei mit begründeter Kritik einher. Es ist das typische Verhältnis des Menschen zu jedem Text, das hier nicht weniger zum Tragen kommt: Jeder liest etwas anderes darin. Die einen fühlen sich bestätigt. Die anderen sind empört. Wieder andere versuchen abzuwägen. Es soll mich aber hier nicht interessieren, ob militärische “pre-emptive” Maßnahmen gerechtfertigt sein können,wer sich gegen wen verteidigen muss und ob seine Kritik an Israel berechtigt ist. Und von wem sie vorgetragen werden darf und von wem nicht.

Das Gedicht

Betrachten wir das Ganze doch aber einmal als das, was es ist — als Gedicht. Das hat, natürlich, kaum einer der Kommentare getan. Wir müssen das Werk natürlich zu allererst als politische Lyrik begreifen. Das aber kann doch gar nicht sein, denn politische Lyrik — das haben wir oft genug gehört — ist eigentlich tot. Grass zeigt, gewollt oder ungewollt, dass politisches Dichten nicht so tot ist, wie es immer dargestellt wird. Wer mit einem Gedicht eine solche Aufmerksamkeit erreichen kann, hat irgend etwas richtig gemacht. Man möchte und muss wahrscheinlich einwenden, dass die Aufmerksamkeit in erster Linie vom Inhalt des Werkes herkommt. Natürlich. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Text zur Innenpolitik ähnliche Reaktionen hervorgerufen hätte. Aber politische Themen funktionieren offensichtlich auch für einen Schriftsteller. Das muss kultiviert werden. Man muss nicht reizen um jeden Preis. Aber sich hin und wieder quer stellen, dass sollte man, vor allem wenn man eine gewisse Aufmerksamkeit bereits sicher hat, etwa zu den wenigen angesehenen Künstlern und Schriftstellern in diesem Lande gehört.

Nun ist aber das Grass’sche Werk, gelinde gesagt, nicht gerade eine Glanzstück der Poetik. Der Mann kann nicht wirklich dichten, dass merkt man auch bei früheren Versuchen. Die Stuttgarter Zeitung spricht von einem “stilistisch sehr schlechte[n] Gedicht” und hat damit nicht Unrecht. Die Lyrikzeitung setzt den Begriff Gedicht sogar in Anführungsstriche, bemerkt aber gleich auch, dass es eigentlich nicht mehr als Gedicht zu retten ist. Die Süddeutsche Zeitung bemerkt lakonisch, dass allein die willkürlichen Zeilenumbrüche etwas Lyrisches am Text seien. Und da ist etwas Wahres dran. Man findet in manchen Teilen eine ordentliche Verdichtung, aber insgesamt wenig.  Stilistische Mittel wie Parallelisierungen sind vorhanden, machen aber längst kein lyrisches Meisterwerk daraus. Bei der Textkritik im Literaturcafé wäre ein solches Gedicht wahrscheinlich mit Pauken und Trompeten durchgefallen.

Einen Versuch, sich dem Text mittels einer Gedicht-Interpretation zu nähern, liefert die FAZ. Frank Schirrmacher schießt sich aber gleichfalls sofort auf die inhaltliche Kritik ein, die zuvor schon feststeht. Der Versuch, das Ganze am Text zu belegen, gelingt Schirrmacher, natürlich. Doch wird die Besprechung dem Text nicht gerecht. Am Begriff der “Herkunft” wird das deutlich, wenn Schirrmacher hier nur genealogisch denken kann, weil es seine Interpretationsthese stützt. Dass Grass gerade aber diesen Begriff nicht genealogisch meinen könnte, sondern genau all das, wass er laut Schirrmachen statt dessen auch sagen könnte („meine Generation“, „mein Land“, „unsere Geschichte“, „meine Geschichte“), zusammenzufassen versucht, wird sogar als Möglichkeit ausgeblendet. Man könnte sich wünschen, dass man den Text vorgestern mal 2000 Abiturienten zur Interpretation vorgelegt hätte. Dann würde man deutlicher erkennen, dass die FAZ-Interpretation nur eine mögliche ist.

Letztlich bleibt festzuhalten: Es ist schade, dass ausgerechnet ein solcher Text das Genre des politischen Dichtens ins Rampenlicht rückt.

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  • Helmut Maier

    Wenn “politisches Dichten nicht so tot ist, wie es immer dargestellt
    wird”, dann freut mich das. Ich selber bin ja im Augenblick auf diesem
    Tripp: http://www.maier-lyrik.de/blog

    Liebe Grüße

    Helmut